Meine Damen und Herren, liebe Kinder,
ich möchte vor diesem Blog ausdrücklich warnen!

 

Es sendet auch außerhalb der internetüblichen Sendezeiten - zwischen 22 und 6 Uhr - Beiträge zu Intelligenz-Dilettantismus und Missverständlosigkeiten.

 

An alle privatwirtschaftlichen Jugendschützer mit monetärem Eigeninteresse: Ich kam schon abgemahnt auf die Welt, aber auch mir ist klar: Platz für Gier ist im kleinsten Hirn!

 

jo jmatic im Überblick

Nach unten, zu den Seiteninfos!

Posterous theme by Cory Watilo • customized by jo jmatic

Abgelegt unter: soziale Netzwerke

Alle rufen jetzt mal Datenschutz

Datenschutzmängel: Empörte Facebook-User wechseln zu Google+ und umgekehrt

Na, da sage ich doch in diesem Falle dem Postillion einfach mal schlicht: »Danke.« Er hat das Datenschutzgeschreie der letzten paar Tage im sozialen Netzgedöhnse mit seinem kleinen Artikel schön auf den Punkt gebracht. Wer wissen will, was ich meine, muss sich schon rüber bemühen und selber lesen. Das hat er verdient, der Postillion.

Warum die Leute sich jetzt über die neue Timeline bei Facebook aufregen, ist mir komplett schleierhaft. Da sind nur die Daten jetzt hübscher aufbereitet, die der Konzern sowieso von seinem Nutzer hat. Mir hat das Facebook-Design noch nie gefallen, aber die Timelinegestaltung find' ich gut.

Böse Zungen behaupten ja, die Leute regen sich nur deshalb über die neue Timeline auf, weil jetzt noch einfacher zu ersehen ist, dass sie im Grunde nur immer wieder den gleichen belanglosen Kack Kram  posten, den jeder eh schon kennt, oder, noch schlimmer, das ihr Online-Leben nur aus Online-Spielen besteht. Das ist böse - hat aber wahrscheinlich einen wahren Kern.

Apropos Kern. Die »Superprofile« sollen das Problem sein. Die Anhäufung der persönlich produzierten persönlichen Daten bei einer oder mehreren amerikanischen Firmen sollen das Grundproblem sein. Echt? Versteh' ich nicht. Dieses Problem ist doch total einfach zu lösen: Liebe Leute, wenn Ihr das nicht wollt, dann wechselt schlicht in eins der dezentralen Netzwerke. Benutzt  doch z. B. das europäische Ipernity für Eure Bilder, statt Facebook oder Google. Benutzt einen der vielen anderen Anbieter für Eure Videos, statt Youtube. Streut Eure Daten. Nutzt verschiedene Netzwerke. Zum Beispiel das schon erwähnte Diaspora*. Da gehören Eure Daten Euch und die Werbekraken sind weit weg, wenn die Euch stören. Und so weiter. Streut Eure Daten. Oder, besser noch: Vergesst einfach, dass es um Daten geht. Unterstützt schlicht die freiheitlichen und demokratischen Gedanken, die hinter diesen kleineren Netzwerken stehen, schlicht, in dem Ihr an ihnen teilhabt. Das ist auch eine eindeutige politische Aussage. Reduziert Eure Käuflichkeit.

Diese dezentralen Netzwerke finanzieren sich zum großen Teil nicht über Werbung, sondern über Spenden. Man spendet einen Betrag und ist dafür auch kein beworbenes Produkt mehr, sondern aktiver Unterstützer. Das ist fair. Das macht ein gutes Gefühl.

Die Lösung für dieses Problem ist also simpel. Trotzdem tut's keiner. Warum? Weil, wie der Postillion es so schön auf den Punkt bringt, keiner seine Freunde, oder seine Followerbasis im entsprechenden Netzwerk verlassen will. Ok. Das leuchtet auch zunächst ein. Obwohl ich sagen muss, dass ich nach dem Wechsel zu Diaspora* keine Kontakte verloren habe, sondern neue dazu gewonnen habe.

Dazu fällt mir auch folgendes ein: Für jeden Mist werden in Facebook tonnenweise Posts und Freunde bewegt. Man kann dauernd Dinge lesen, wie: »Klickt hier, um Eure Stimme abzugeben.«, »Kopiert diesen Text, um ihn zu verbreiten, wenn Ihr ihn gut findet.«, und so weiter. Da stellt sich mir die Frage, warum das die Unzufriedenen nicht auch für ihr Wechselanliegen tun. Begeistert Eure Freunde einfach für einen gemeinsamen Umstieg. Für die ukrainischen Hunde und die nächste Superstarwahl klappt die Mobilisierung doch auch - warum nicht für das Netzwerkseelenheil und gegen die Reduzierung des eigenen Online-Ich auf Produktniveau?

Ist ok. Braucht keiner beantworten. Ist eine rhetorische Frage. Ich weiß, das ist undenkbar. Ja ja, die undenkbaren Dinge ...

Ich weiß, was das Grundproblem ist. Das Grundproblem ist die Bequemlichkeit und der Konservativismus der im Netz angekommenen Masse. Die Nutzermassen sind in den sozialen Hängematten von Facebook  - und von mir aus auch G+ - angekommen und dort haben sie es sich bequem gemacht. Die virtuellen Couchmöbel und Wohnzimmer stehen und keiner will sich in Wahrheit bewegen oder verändern. Das Netzwerk soll sich gefälligst um sie herum verändern, und zwar bitteschön so, dass man sich nicht mit unbequemen Sach-, Werte- und Politfragen auseinandersetzen muss, denn man will ja nur etwas entspannen. Ist das so, ist alles gut.

Der Wunsch ist legitim. Die Realität ist aber eine andere. Na ja, egal. Man kann das alles auch einfach ignorieren, und ab und an mal mitschreien, wenn einer »Datenschutz!« ruft. Geht auch.

Ilya - Diaspora - Leben - mehr als Bits

Am späten Sonntagabend überraschte eine Meldung in der Diaspora*, die sich um einen der Mitbegründer von Diaspora* drehte: Ilya Zhitomirskiy ist offensichtlich an diesem Wochenende im Alter von 22 Jahren verstorben. Die genauen Umstände seines Todes sind mir - bisher jedenfalls - nicht bekannt.

Die Trauer innerhalb von Diaspora* äußerte sich in unglaublichen vielen Beileidsbekundungen, denn natürlich ist der Tod eines so jungen Menschen, der garantiert bis zur Hutkrempe voller Pläne steckte, äußerst tragisch. Gerade auch in diesem Augenblick, in dem Diaspora* wieder vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, weil man Ende November mit dem Netzwerk in die beta-Phase wechseln will: In den Startlöchern: Das Anti-Facebook - Medien - Tagesspiegel.

Wobei ich die Titelzeile des Artikels mit dem Wort »Anti-Facebook« reichlich dämlich finde, denn das erweckt den Eindruck einer Attacke auf Facebook. Der Begriff suggeriert eine Aggressivität und eine Fixierung der Diaspora*-Gründer, die so nicht vorhanden ist. Natürlich spielte beim Entwurf von Diaspora* Facebook als Erfahrung eine entscheidende Rolle, denn man wollte im Bereich der Datenhoheit und bei der physikalischen Struktur des Netzwerks andere, demokratischere Wege gehen als Facebook. Auf den Nutzer bezogen will Diaspora* aber die gleichen sozialen Bedürfnisse befriedigen, wie alle anderen Netzwerke auch.

Deshalb, und auch aus Gründen schierer Größe, ist es - realistisch gesehen - völliger Quatsch Diaspora* in irgendeiner Form als direkten Konkurrenten zu Facebook aufzustellen. In der Diaspora* tummeln sich momentan optimistisch geschätzt, knapp unter 200000 Mitglieder, während G+ die 50 Mio. überschritten hat und Facebook bei 800 Mio. Mitgliedern steht. Diaspora* ist eine Alternative zu diesen Giganten, sicherlich, aber bisher nur für wenige, wohl überwiegend technisch interessierte Menschen.

Diaspora* geht trotzdem mit Idee eines dezentral organisierten Netzwerks, in dem die User die Herren ihrer Daten bleiben, und als demokratische Alternative zu den Riesennetzen amerikanischer Firmen wesentlich weiter, als alle übrigen Ansätze in diese Bereich. Dieser Ansatz ist derart grundlegend und gut, dass er auf keinen Fall in der »Nerd«-Ecke stecken bleiben darf. Auch aus diesem Grund ist die Ausschließlichkeit und die Einschränkung, die der Begriff »Anti« vermittelt, ist also völlig fehl am Platz.

Nach meiner Auffasung muss Diaspora* den Nutzern anderer Netzwerke als weitere einfache und gut funktionierende Möglichkeit schmackhaft gemacht werden, übersichtlich und durchschaubar sozialen Tratsch zu pflegen. Man müsste jetzt sehr ins Detail gehen, um das zu erläutern. Ich führe aber mal nur einige kleine Beispiele an: Markdown ist eine schöne und schlichte Möglichkeit zum Gestalten seiner Posts. Ich mag das. Aber für den Otto-Normal-Nutzer aus Facebook ist das nicht zumutbar. Eine Timeline, die sich nicht automatisch aktualisiert und Beiträge, die nicht editierbar sind, wird die Mehrzahl der FB-sozialisierten Menschen nie akzeptieren. Da muss noch einiges passieren. 

Zurück zum Artikel. Der ist ansonsten leidlich informativ, wenn auch in einem weiteren Punkt nicht sauber recherchiert, denn der im Artikel angesprochene Diaspora-Pressesprecher Yosem Companys, hat diese Funktion nicht mehr inne:

Wie jedes soziale Netzwerk ist der Austausch unter den Mitgliedern das Hauptanliegen von Diaspora – allerdings mit einigen entscheidenden Unterschieden zu Facebook oder Google+. „Hinter Diaspora steht die Idee eines privatsphärefreundlichen, quelloffenen sozialen Netzwerks“, begeistert sich Kraft. „Diaspora ist eine Non-Profit-Organisation, die sich allein über Spenden finanziert.“ Der gewerbliche Verkauf oder die Weitergabe von Nutzerdaten an Werbeindustrie und Regierungen widersprechen fundamental der Philosophie von Diaspora. „Jeder soll seine persönlichen Daten selber besitzen und verwalten können und ganz genau bestimmen, welche Inhalte er wem zugänglich macht.“ Das geht so weit, dass jeder, der dies möchte, seinen eigenen Server aufbauen kann, der dann ins Diaspora-Netzwerk aufgenommen wird.
Diaspora* geht also einer ungewissen, aber hoffungsvollen Zukunft entgegen, die aber einer ihrer Mitbegründer nicht mehr erleben wird. Es ist in solchen Momenten deutlich spürbar: Das Leben ist soviel mehr als Bits, Bytes, Monitore und Statusmeldungen. Ich allerdings nehme die Pusteblume, das Sinnbild der Diaspora*, in diesem Fall als Symbol dafür, dass hier ein Mensch zwar zu früh gegangen ist, aber schon in seinen jungen Jahren an einer wirklich großen Idee mitgearbeitet hat, die für Menschen rund um den Globus in Zukunft vielleicht wichtiger wird, als wir uns jetzt vorstellen. Ilya hat seinen Baum gepflanzt.


Alberto - Diaspora*